Malerei auf den Spuren der verlorenen Zeit
Eugen Kunkels Bilder bringen ein Staunen zum Ausdruck, ja sie machen selbst Staunen.
Wir begegnen auf diesen Bildern einer Welt, die in dem intimen Gestus der Interieurszenen, dem
scheinbar
beliebigen Charakter der Landschaften oft auf Alltägliches, geradezu Banales abzuzielen
scheint. Das Besondere dieser ausschnitthaften Momentaufnahmen wird aber gerade durch ihre
malerische Übersetzung erfahrbar gemacht.
Die virtuos photorealistische Präzision der Darstellung spielt dabei die Rolle eines unbestechlichen
Chronisten. Es ist eine Malerei auf den Spuren der verlorenen Zeit.
Sie verwirklicht den Augenblick als immerwährende Gegenwart der Erinnerung. Von der Fülle
der Details geht die Aufforderung an den Betrachter, sich selbst, seine eigenen Erinnerungsbilder zu
befragen: die Landschaften, vor denen wir gestanden haben, die Menschen, mit denen wir gelebt
haben, noch einmal zu sehen, den Reichtum oder die Armut unseres inneren Nacherlebens zu überprüfen.
Die Malerei wird dabei das Medium, das dem Erkennen Zeit lässt, da sie selbst eine zeitlose
Wirklichkeit abbildet. Was die Photographie über den Bruchteil eines Augenblicks aussagt, gewinnt in
der Malerei langsam, Pinselstrich für Pinselstrich, dauernde, unvergängliche Gestalt.
Ein Photo dokumentiert so genannte Realität, die Malerei Eugen Kunkels dagegen erfindet
Wirklichkeit. Die photographischen Vorlagen liefern dabei nur Anhaltspunkte für die Komposition: die
Verteilung der koloristischen Akzente, die Gewichtung der Figuren und der dazwischen liegenden
Leerstellen. Durch die malerische Übersetzung wird aber das Bleibende, die Quintessenz eines
Augenblicks sichtbar gemacht. Es enthüllt sich eine Parallelwelt, in der Menschen und Dinge auf
magische Weise verwandelt erscheinen. Allerdings nicht im Sinne romantischer Stilisierung oder
pathetischer Überhöhung, eher sehen wir hier die Gültigkeit eines Ausspruchs von Albrecht Dürer
bestätigt: „Dann wahrhaftig steckt die Kunst inn der natur, wer sie herauß kann reyssen, der hat sie.“
So hat also derjenige die Kunst, dem es gelingt sie zu entdecken, sie der Natur abzuringen und im
Bild sichtbar zu machen.
Eugen Kunkel selbst hat einmal gesagt, seine Bilder seien Ausdruck der Unfähigkeit, sich mit
dem unerbittlichen Verstreichen der Zeit abzufinden. Seine Arbeit sei daher auch der Versuch, das
gemalte Bild als Konzentrat eines umfassenderen Inhalts zu gewinnen. Dabei ist es ihm wichtig, dass
Menschen und Orte auf der Leinwand ein Eigenleben entfalten, dass ihre lebendige Präsenz wiedergewonnen
und erfahrbar werden kann. Dass sie endlich auf keine tatsächliche Situation in der
Vergangenheit mehr verweisen müssen, sondern losgelöst von ihr, konkrete und selbstständige
Erscheinung werden.
So darf man sagen, diese Kunst will, dass wir in jedem Moment hellwach sind, dass wir bereit
sind, die Welt in uns einzulassen, uns offen zu halten für sie, uns nicht abzuschließen von ihr. Sie
macht deutlich, dass wir nach Schönheit nicht suchen müssen, da sie sich in jedem Augenblick, in
jeder Sekunde bewusst gelebten Lebens offenbaren kann.
Christoph Scherschak
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