Helen Acosta Iglesias


 

Was wäre der wahrste Sinn eines Wortes – und wie kommt man da rein? Handelt es sich um einen Raum, einen Körper, ein leeres oder angefülltes Volumen – und was um Himmels willen passiert im wahrsten Sinne des Wortes? Helen Acosta Iglesias nimmt die Sachen (was immer Sache ist) gerne beim Wort, oder sagen wir: wörtlich (und was wäre der Unterschied?), wobei sich herausstellt, dass so eine Wörtlichnahme keineswegs eine platte sein muss. Vielmehr handelt es sich bei ihr um ein plastisches Verfahren, eine bildende Kunst, die sich Begriffe in den Raum stellt ( > Vorstellungen machen, sich; herstellen), um sie von mehr als einer Seite zu betrachten, zugänglich zu machen, sie nicht bloß als Henkel zu handhaben, an denen sich ein bis an den Rand mit Bedeutung gefülltes Gefäß („INHALT!! INHALT!!“) gewichtig herumreichen ließe. Griffigkeit gehört nicht zu den Eigenschaften ihrer Wörter („Die ausgestellten Kunstwerke bitte nicht berühren!“); dennoch – oder gerade deswegen – geschieht es, dass man sie plötzlich neu – oder überhaupt erst einmal – begreift. Vielleicht, weil es alles Fremdwörter sind, und das Leben in einer Fremdsprache auch die „eigene“ befremden kann, wo das Selbstverständliche anderen nicht mehr verständlich erscheint.
Das Befremden kann durch Zeichnungen befördert werden, die neben den Wörtern stehen, durchaus Seite an Seite mit ihnen – nur dass diese Seiten eben Rückseiten sein könnten, wo sich beider Hintersinne begegnen. Oder ein/zwei Seiten „kurze Texte“ stehen großformatigen Zeichnungen zur Seite, d. h. liegen davor in Sesseln zum Lesen bereit, streben aber weder Ein- noch Zuordnung an, erläutern oder erklären nichts, sondern erweitern den Bildraum um eine seltsame („strange“ – wie der möglicherweise gleiche Satz in einer anderen, fremden Sprache) Dimension.
Die „Segenmaschine“ hat – auf den ersten Blick – außer dem Titel nichts Wörtliches; und doch ragt sie mit ihrer schönen Materialität und Luzidität vielleicht am weitesten in den Sprachraum hinein: Sie zeigt das Signum, das Zeichen, das für Segen steht, das Wort Segnen, das in signum wurzelt, diesem Kreuz aus Geste, Etymologie und Geschichte, das Ominöse des Nomens, das noch den spanischen Eigennamen Iglesias erreicht, und verweist andererseits als „Benediktiergerät“ zur Selbstbedienung (service heißt ja im Englischen auch Gottesdienst…) neben dem akuten deutschen Papst auf die deutsche Redewendung „Sich regen bringt Segen“ – wobei die erforderliche Regung zeitgemäß auf einen Knopfdruck, leicht wie ein Mouseclick, reduziert ist und hinter edlem Holz verstaute Elektronik in Gang setzt. Und doch ist es damit noch lang nicht erledigt, kein Rebus, keins von den auflösbaren Rätseln, kein bloßer joke, obwohl die Sache enormen Witz hat, gleichzeitig jedoch das Zeug zum Fetisch, mit den juwelenartigen Leuchtdioden im schimmernden Holz; aber dabei auch dies fast rührende Bemühen, hilfreich, ernsthaft und praktisch zu sein – und ein echtes Sammlerstück, das als solches wiederum von den (Selbst-) Segnungen des Kunstsammelns zu berichten weiß, vom –Beweihräuchern aber diskret und vielsagend schweigt, und trotzdem aus all dem, der Spannung dazwischen und darüber hinaus eine Aura entwickelt, eine spezifische Energie, die Faszination hervorruft, eine Fremdheit für sich behält, die Eigenheit einer Sprache.
Helen Acosta Iglesias entwickelt aus Eigenem und Fremdem, aus einer Beweglichkeit zwischen Sprachen (die sie auch in einem Brotjob als Dolmetscherin praktiziert), auch aus der „sportlichen“ Kommunikation künstlerischer Positionen in der Gruppe, im Gespräch, eine Eigensprache, deren Formulierungen etwas vom wahrsten Sinne des Wortes realisieren: Klarheit und Geräumigkeit, eine schwebende Vieldeutigkeit, Poesie. Formulierungen nicht nur wörtlicher, sondern auch bildlicher und durchaus sachlicher Natur. Persönlich, ohne privat zu werden, und damit offen auf andere hin, für andere, für ein Zutun, ein Gespräch.

Barbara Köhler