Susanne Elisabeth Heise


 

Susanne Elisabeth Heise will, nein, sie muss den Betrachtern ihrer Bilder bis über die Grenze des Ertragbaren hinaus zusetzen, weil das die Essenz ihrer eigenen Erfahrung ausmacht; etwas anderes haben Künstler nicht, sieht man einmal von der Selbstverständlichkeit meisterlichen Vertraut-Seins mit ihren Mitteln ab. Auf die Spitze treibt Heise den Schock in ihren Buchentwürfen, wo sie mit dem Betrachtenden allein ist und alle Bewegungen deutender Augen präzise steuern kann, dieser also selbst entscheiden muss, ob das Weiterblättern noch auszuhalten ist. Ihre Pflicht, uns das alles zuzumuten, vom Recht gar nicht zu sprechen, scheint durch die Authentizität des Erlittenen gedeckt, selbst die Lust kommt in ihren Bildern als Schmerz daher. Ein Hauch Mittelalter weht mich an, alte Mythen und Symbole lugen eher tröstlich um die Ecke – spätestens am Schluss, wenn sich beispielsweise der Schatten einer ihr wichtigen Rabenskulptur zum Maltesischen Falken wandelt.
Sex, Drogen und Krankheit – das ganze Elend des Menschen, autofotografisch abgehandelt von der Künstlerin an ihr selbst, nebst lustleidender Leibsklavin? Leiden an der Lust, Lust am Leiden als circulus vidiosus, beispielhafte Selbstbeobachtung auch aus moralischen Gründen? Fragt man Susanne Elisabeth Heise nach dem aufklärerischen Impuls in ihrer Arbeit, bestätigt sie ohne Zögern, im Blick dieses leise ironische Lächeln, das mich von Anfang an für sie eingenommen hat und das, wie mir scheint, aus ihren Augenwinkeln auch nicht zu vertreiben ist. Hierin wäre auch ihre Nähe zu Nan Goldin begründet, zu deren Einfluss Heise sich bekennt, obwohl das nahezu egomanische Moment in ihrer Arbeit die Optik des Vorbilds auf ein äußerst schmales Segment verkürzt; die Zeiten haben sich geändert.
An Susanne Elisabeth Heises Arbeiten bestätigt sich eine Erfahrung, die ich immer wieder mache, wenn Fotografie richtig hinlangt ins Reale, ins zutiefst Menschliche. Solche Fotografien verleiden einem die Lust, über Fotografie im Allgemeinen zu sprechen, weil sie das was sie zeigen, sichtlich auch meinen, nämlich Erfahrungen zu bezeugen, die Menschen mit dem Leben machen. Mit einer solchen Zielstellung bleibt das aufzeichnende Medium an den Schauplatz der Handlung gebunden; selbst die Digitalkamera muss noch dorthin getragen werden, solange es darum geht, von der Welt und unserem Leben in ihr zu handeln. Dann ist es vielleicht doch elegant gelogen, wenn auch konsequent gedacht, dass allein das Medium die Botschaft sei? Wo bliebe dann der Mensch?
Ist das Susanne Elisabeth Heises Frage? Hätte sie überhaupt noch etwas zu fotografieren, wenn sie nicht an der Droge hinge? Oh ja, sagt sie, schließlich sei dieser Teil ihrer Auseinandersetzung bereits Vergangenheit, es gehe ihr gerade sehr gut, diese Massen an Tabletten gegen die unerträglichen Schmerzen brauche sie jetzt nicht mehr, aber das bleibende, uns alle einende Thema, weil er jedem blühe, sei schließlich der Tod. Mit ihm scheint sie auf wesentlich besserem Fuß zu stehen als die meisten von uns. Aus ihrer mehrfachen Bekanntschaft mit seiner Nähe glaube sie nicht, dass er etwas Schlimmes sei. Im Herunterschlucken geht mir auf, welch kostbares Geschenk die freimütige Weitergabe solcher Erfahrung darstellt – für Susanne Elisabeth Heise etwas Selbstverständliches.
Was hat die Autorin überhaupt fotografiert, wenn sie die Kamera mit dieser unglaublichen Energie selbst in den erbärmlichsten Situationen auf sich richtet? Mit besonderer Hartnäckigkeit auf den Moment, da sie sich das Zeug reinzieht: Zeremoniell, von einem geglasten Portrait der Künstlerin als Unterlage, startet sie immer wieder den Exzess, den Betrachter zum genervten Zeugen machend – das war das Bild, durch ständige Wiederholung formlos geworden, das sich mir beim Erleben ihres Buchentwurfs am nachdrücklichsten eingebrannt hat. Weil man irgendwann verstehen muss, dass darin die unbarmherzige Zeit thematisiert ist und – warum Susanne Elisabeth Heise ihr Buch zunächst „de l’amour et la mort“ nennt. Hat sie vor kurzem ihre Bilder noch nach stofflichen Kategorien getrennt, nach Komplexen, die ihr Leben und den Kampf ums Überleben geprägt haben, sagt sie heute, alles gehört zusammen. Diese Erkenntnis hat sie sich in den verschiedenen Ausstellungen, die das Entstehen ihrer Arbeit kontinuierlich begleiten, stufenweise erarbeitet, und so präsentiert sie sie in der gemeinsamen Schau der Meisterschüler. Leicht gefallen ist es ihr nicht, die Verunstaltung ihres eigenen Körpers durch die notwendigen Operationen ebenso öffentlich zu machen wie die vorangehenden Prozesse – oder gar zu akzeptieren, dass auch sie das Schicksal aller Kunst teilen, nämlich zum Schönen zu werden. Gedruckt auf edlem Hahnemühl-Papier. Diesen kritischen Punkt zu durchschreiten, an dem sich immer wieder die Geister scheiden, erfordert für eine Künstlerin, die das eigene – kein fremdes – Leid zum Gegenstand ihrer Kunst macht, ein noch größeres Maß an Überwindung; für die eigene Genesung wie für den Erfolg der Kunst spielt sie eine wesentliche Rolle.
Die Sorge, ob es denn Kunst sei, was junge Künstler tun, die in einem solchen Kontext leicht auftauchen kann, ist eine dieser Angstchimären, die ich zu den eher überflüssigen Fragen zähle. Denn die Kompetenz, sie zu entscheiden, ist immer geliehen von der unbarmherzigen Zeit, die eben erst vergehen muss, bevor sich das allmählich klärt. Da hilft auch ein Professor nicht so viel, wie man ihm freundlicherweise zuzutrauen bereit ist. Jemand, der sich so tapfer schindet wie diese Künstlerin, sollte der eigenen, bereits gut erkennbaren Stimme um jeden Preis weiter vertrauen, also auch dem inneren Feuer. Das sichtbar zu machen, dir auch dann gelingen wird, wenn du eines Tages auf die Symbolik äußerer Flammen verzichten solltest.

Helfried Stauß