Der Besucher bewegt eine durchsichtige Vorhangplane beiseite und steht unvermittelt einem mannsgroßen, bergförmigen Gebilde mit schrundig
brauner
Elefantenhaut gegenüber, das mehr als ein halbes dutzend trichterförmige Rüssel trompetenhaft nach
allen Seiten reckt. Der „Berg“ steht auf Holzpaletten, der Betrachter kann ihn umgehen und in die
Trichterröhren hineinsehen, ins hohle Dunkel. Es riecht nach Bienenwachs, mit dem die Röhren innen
eingestrichen sind, und nach dem torfartigen Material der Außenhaut. „Xenos Coryneliales“ nennt Christian Desbonnets diesen vielrüsseligen Fremdling und
präsentiert das Ergebnis eines längeren Arbeitsprozesses mit augenzwinkerndem Ernst wie eine
paläontologische
Entdeckung. Dazu ein kleiner Tisch mit archäologisch anmutenden Utensilien, ein
paar Fotos vom Objekt, ein Hocker, darüber zwei Glühlampen. Das Ganze wird umfasst von einem
Kubus aus durchsichtiger Plastikplane, gehalten von einem Holzgerüst, der Besucher befindet sich
quasi in einer improvisierten, begehbaren Ausstellungsvitrine. Ein Raum im Raum.
Ein Ort der
Untersuchung, des sinnlichen Erkundens und des Staunens, befremdlich und anziehend zugleich.
Und nimmt man ihn von außen mit der ihn umgebenden Kabine in seiner Schemenhaftigkeit wahr,
vermittelt sich neben dem faktischen auch ein poetischer Raum.
Haptisch-sinnliches Material steht oft am Beginn eines Verwandlungsprozesses des Künstlers, der in ganz unterschiedlichen medialen Ansätzen– Zeichnung, Foto, Video, Plastik, (Klang-)Installation – operiert. Oft greift er auf Gefundenes und auf
Gegenstände der Alltags- und Warenwelt zurück, setzt es mit dem Blick fürs Detail und einem Schuss Lakonik in kommentarisch angelegte Assemblagen um, wenn er etwa eine Menge verschiedener
nass gewordener Nudeln mit Klammern zum Trocknen auf den Wäscheständer heftet, eine poetische
Konnotation der Vergeblichkeit („Dry“, 05), oder ausgeschnittene Piktogramme zu Bilderrätseln
arrangiert
(„Frère Jacques“, 04).
Die Ergebnisse seiner offenen Herangehensweise präsentiert er einzeln, oder verwebt sie medial in raumbezogegenen Installationen, bisweilen in
Kooperation mit Künstlerkollegen. Etwa in „Plaform“ (04), einer labyrinthisch begehbaren Skulptur
aus vielen verschiedenen Pappkartons, die er zusammen mit Imke Rathert in einem Raum des
Kunstvereins Hannover realisierte und in ihrem Innern zugleich experimentelle Kurzfilme zeigte.
Unterwegs in der Kunst und mit der Kunst entwickelt er im Sinne künstlerischer Strategien Objekte/Skulpturen mit Handlungsoptionen. Anlässlich
seines
Studienaufenthaltes in Riga/Lettland entsteht in „Für Paare“ (06) ein etwa Hoolahoop-großer
Messingreifen, den er in Hüfthöhe senkrecht an der Wand anbringt und daneben auf einem Messingschild
im Piktogrammstil Vorschläge zur Begegnung für zwei Menschen durch den Reifen hindurch
anregt. Kunstobjekt wird als Aktivierungsmodell wieder Gebrauchsgegenstand.
In „Exchange“ (06) bittet er Fremde ihn mit seiner Polaroidkamera zu fotografieren und das Foto zu behalten, nachdem er sie mit dem von ihnen
gemachten Foto aufgenommen hat. Ein kurzer Moment der Begegnung mit einem Foto als Dokument.
Ein Austausch, den er oft unternimmt, in verschiedenen Städten und Ländern, und die Fotos der
bisherigen
Begegnungen als Zwischenergebnis in serieller Anordnung präsentiert.
Christian Desbonnets’ Interesse erschöpft sich nicht in der Herstellung des abgeschlossenen ästhetischen Produktes, sondern seine Objekt- und Materialverwandlungen,
bisweilen wie Versuchsanreihungen angeordnet, seine raumbezogenen Installationen
offerieren – vielschichtig, vielseitig – ein hohes Maß an kommunikativem und interaktivem
Zugang.
Bernhard Garbert
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